World Brain Day 2026: Hirngesundheit nach der Intensivstation

Interview mit unserem Chefarzt Dr. med. Adamaszek

 

Eine intensivmedizinische Behandlung kann Leben retten. Sie kann jedoch auch langfristige Folgen hinterlassen. Viele Betroffene kämpfen nach ihrem Aufenthalt auf der Intensivstation mit körperlichen, kognitiven oder psychischen Einschränkungen. Muskelschwäche, Gedächtnisprobleme, Konzentrationsstörungen oder eine anhaltende Erschöpfung können den Weg zurück in den Alltag erheblich erschweren.

Anlässlich des World Brain Day 2026 unter dem Motto „Brain Health: Access for All“ sprechen wir mit unserem Chefarzt des Bereichs Neurologie, Dr. med. Adamaszek, über die neurologischen Folgen einer intensivmedizinischen Behandlung, das sogenannte Post-Intensive-Care-Syndrom (PICS), und die Bedeutung einer frühzeitigen neurorehabilitativen Versorgung. Im Interview erfahrt Ihr, welche Herausforderungen Betroffene bewältigen müssen, warum manche Einschränkungen zunächst verborgen bleiben und wie eine interdisziplinäre Rehabilitation dabei helfen kann, Lebensqualität und Selbstständigkeit zurückzugewinnen.

 

Welche neurologischen Folgeerscheinungen treten typischerweise nach einer intensivmedizinischen Behandlung auf?

Nach einer intensivmedizinischen Behandlung treten neurologisch oft Nerven- und Muskelschädigungen in Form einer Critical-illness-Neuro- und Myopathie auf. Zudem beklagen Patientinnen und Patienten oft eine Merk- bzw. Gedächtnisschwäche, was bei genauerer Untersuchung auch auf Störungen der Aufmerksamkeit und Handlungsdenken, sogenannte Exekutivfunktionen, zurückzuführen sein kann und sinnvollerweise als Merkmale einer Critical-illness-assoziierten Enzephalopathie beschreibt. 

Klinisch äußern sich die Schädigungen an Nerven und Muskeln in Form von einer muskulären Schwäche bzw. Paresen, aber auch Sensibilitätsstörungen, welche zusammen das Stehen und Gehen erheblich verhindern bis verunmöglichen. Die Patientinnen und Patienten benötigen dann bei allen Bewegungen, dass heißt auch in allen grundlegenden Alltagsaufgaben wie An- und Auskleiden, Körperhygiene und auch Fortbewegung, personelle Hilfen. Sofern noch eine Hirnleistungsschwäche im Sinne einer Critical-illness-assoziierten Enzephalopathie hinzukommt, benötigt der Betroffene Hilfen bei komplexen Tagesabläufen wie den organisatorischen Handlungen einschließlich Planungen. Diese Folgeerscheinungen haben sich aufgrund der zunehmenden Intensivrehabilitation in der KLINIK BAVARIA Kreischa in den vergangenen Jahren auch an der Patientenzahl erheblich vermehrt und machen mittlerweile gut die Hälfte aller Patientinnen und Patienten aus. 

Was genau versteht man unter dem sogenannten Post-Intensive-Care-Syndrom (PICS)?

Im Zuge einer längeren Behandlung auf einer intensivmedizinmedizinischen Station (intensive care unit - ICU) weisen Patientinnen und Patienten in unterschiedlicher Häufigkeit und Ausprägung körperliche, kognitive und psychische Beeinträchtigungen auf, für die wiederum unterschiedliche Faktoren wie tiefe Sedierungen, Infekte bis zu Organversagen, Sauerstoffmangel und auch Medikamente verantwortlich gemacht werden können. Die Versorgung und die damit verbundene Immobilität lösen wiederum psychische Stressreaktionen aus. In der Gesamtheit werden diese über viele Monate noch bestehenden Beschwerden auf die oben genannten neurologischen Diagnosen einer Critical-Illness-Polyneuropathie/-Myopathie und Critical-illness-assoziierte Enzephalopathie zurückgeführt. Zudem kommen auch internistische Schäden, vor allem in den Herz-Kreislauf-, Atmungs- und Verdauungsorganen, hinzu. 

Werft noch einen genaueren Blick auf die verschiedenen Krankheitsbilder

Ihr möchtet mehr über die Krankheitsbilder erfahren? In unserer Formatreihe “Wie behandeln wir …?", haben wir spannende Einblicke in die medizinische, therapeutische und pflegerische Versorgung in der KLINIK BAVARIA Kreischa vorbereitet. Dabei erklären wir, was sich hinter den Krankheitsbildern verbirgt, welche Symptome dabei auftreten und wie viele Neuerkrankungen jährlich erfasst werden. Gleichzeitig erhaltet Ihr einen Eindruck davon, was Kernelemente unseres Behandlungskonzeptes sind. 

So behandeln wir

Welche „unsichtbaren“ oder schwer erkennbaren Einschränkungen treten besonders häufig auf und warum sind sie oft erst später sichtbar?

Gerade diese kognitiven und affektiven Veränderungen als Merkmale einer Critical-illness-assoziierten Enzephalopathie werden im Falle einer nur leichten bis mäßigen Ausprägung oft übersehen oder als nicht pathologisch, sondern vielmehr als bereits vor der Erkrankung bestehend beurteilt. Am häufigsten berichten Patientinnen und Patienten über Gedächtnisprobleme, insbesondere im Kurzzeitbereich. In den Untersuchungen werden zudem oft exekutive Dysfunktionen, wie Schwierigkeiten beim Planen oder beim Multitasking, festgestellt.

Die Fatigue wird grundsätzlich angegeben, jedoch oft erst auf Nachfragen. Depressionen und Angst werden bei gut 1/5 bis 1/3 der Patientinnen und Patienten angefunden. Sofern die Ausprägung leicht ist, werden sie auch von erfahrenen Mitarbeitenden in der Patientenversorgung oft übersehen. Das heißt, hier lässt sich häufig nur über eine gezielte Befragung oder auch klinische Screening-Verfahren das Vorliegen aufzeigen. 

Außenstehende, wie beispielsweise Verwandte, nähern sich den Patientinnen und Patienten zudem oft mit größerer Nachsicht. Aber auch kulturelle Gründe wie die hohe Bedeutung der selbständigen Fortbewegung und Unabhängigkeit von Hilfen am Bewegungsapparat dürften eine Rolle spielen. Im Behandlungsteam werden diese Einschränkungen nicht selten als ein unspezifisches allgemeines Merkmal nach einer intensivmedizinischen Versorgung beurteilt, sodass es den Patientinnen und Patienten gegenüber oft nicht konkret benannt wird. 

Weshalb ist eine frühzeitige neurologische beziehungsweise neurorehabilitative Behandlung nach einer intensivmedizinischen Versorgung besonders wichtig und wie unterstützen wir als Klinik Betroffene?

Gerade die zuvor genannten langfristigen Folgeerscheinungen verdeutlichen, dass die professionelle Versorgung der Patientinnen und Patienten mit einer schweren Erkrankung sowohl akut auf der Intensivstation als auch unmittelbar danach in einer hierfür eingerichteten Rehabilitationseinheit mitunter einen erheblichen Unterschied im langfristigen Outcome haben kann. Hier kommt ein mittlerweile gut strukturiertes Maßnahmenbündel an Kontrolle von Stressoren der Hirn- und Nerven-/Muskelfunktionen innerhalb der Intensiveinheit, aber auch der wissenschaftlich ausgearbeiteten Therapieanwendungen der Rehabilitation vielversprechend zum Tragen.

Die KLINIK BAVARIA Kreischa hat im Zuge der klinischen Erfahrungen sowie des ständigen Austauschs mit anderen Einrichtungen einschließlich der wissenschaftlichen Untersuchungen wie beispielsweise im Rahmen des Comprehensive Sepsis Center einen sehr hohen Qualitätsindex in der rehabilitationsmedizinischen Versorgung von Patientinnen und Patienten bereits im Verlauf der intensivmedizinischen, dann aber in den Abteilungen der neurologischen Früh- sowie postprimären Neurorehabilitation entwickelt. In den Abteilungen werden leitliniengerechte Behandlungswege der einzelnen Fachgesellschaften aufmerksam aufgenommen und angewandt. Eine besondere Säule der Versorgung findet sich schließlich auch in dem sehr gut aufgestellten Sozialdienst, welcher mit einem professionellen Entlassmanagement die weitere Versorgung im ambulanten Bereich maßgeblich plant.

Eine sehr große Rolle spielt aber auch die interdisziplinäre Zusammenarbeit in unserem Haus: In der Intensiveinheit arbeiten Fachärztinnen und Fachärzte vor allem der Anästhesie, Inneren Medizin, Neurologie und dem chirurgischen Bereiche im Dialog zusammen, dies wiederum in enger Abstimmung mit der Krankenpflege und der Physiotherapie, Logopädie und Psychologie. Innerhalb der Rehabilitation verschiebt sich der Schwerpunkt auf eine Intensivierung der einzelnen Therapiebereiche, sowohl quantitativ als auch qualitativ. Aber auch hier ist das Prinzip der multimodalen Neurorehabilitation mit enger Einbeziehung der Fachkrankenpflege und der Fachärztinnen und Fachärzten entscheidend.    

Welche Botschaft möchten Sie Betroffenen, Angehörigen und Interessierten im Rahmen des World Brain Day mitgeben?

Für den World Brain Day wurde von dem Weltverband für Neurologie (WFN) dieses Jahr das Motto „Brain Health: Access for All“ ausgegeben. Ich finde dieses Motto hervorragend, da es beispielhaft die Versorgungsentwicklung des PICS illustriert. Mittels der gemeinsamen Anstrengungen der einzelnen Fachdisziplinen erfährt gerade die Hirngesundheit im Falle einer potenziellen wie auch tatsächlichen akuten Hirnschädigung eine wachsende Versorgungsqualität, welche perspektivisch eine maximale Leistungsfähigkeit des Gehirns avisiert – womit den Patientinnen und Patienten eine größtmögliche soziale Rückkehr und Teilhabe zukommt. Das Motto lässt aber auch daran denken, dass dieser Zugang zu professionellen Versorgungsstrukturen nicht allen Menschen verfügbar ist, sodass hier insbesondere den größeren Verbänden wie der WHO noch enorme Anstrengungen bevorstehen. Das Motto ist also auch ein Aufruf!

Was erwartet Dich bei uns?

Um auch künftig allen Patientinnen und Patienten der KLINIK BAVARIA Kreischa die optimale medizinische Versorgung zuteilwerden zu lassen, braucht es DICH! Jeden Tag tragen zahlreiche Mitarbeitende aus verschiedenen Berufsgruppen zum Genesungserfolg unserer Patientinnen und Patienten bei. Ihre Hingabe und ihr Engagement sind der Schlüssel zum Erfolg. Jeder Einzelne, unabhängig von Position oder Fachrichtung, bringt dabei wertvolle Perspektiven und Fähigkeiten ein.

Ob Quereinstieg oder fachlich ausgebildet - wir bieten vielfältige Chancen und fördern individuelle Talente, um gemeinsam das Beste für unsere Patientinnen und Patienten zu erreichen. Werde auch Du Teil unseres Teams und gestalte mit uns die Zukunft der Gesundheitsversorgung.

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