Interviews mit unseren Chefärzten Dr. med. Adamaszek und Dr. med. Heinicke zum World Brain Day 2025

Der von der World Federation of Neurology ausgerufene World Brain Day widmet sich jährlich einem anderen wichtigen Schwerpunkt rund um das Thema Hirngesundheit. Anlässlich des diesjährigen Mottos „Hirngesundheit für jedes Alter“ haben wir unsere beiden Chefärzte, Dr. med. Adamaszek (Neurologie) und Dr. med. Heinicke (Neuropädiatrie), gefragt, wie sich ihre Fachbereiche unterscheiden, welche Gemeinsamkeiten es gibt und wie sie voneinander profitieren können.

Was bedeutet der World Brain Day für Sie als Arzt in einer Klinik mit neurologischem Schwerpunkt?

Chefarzt Dr. med. Adamaszek (Neurologie)

Der World Brain Day stellt für mich eine besondere Gelegenheit, an einem Tag im Jahr mit allen weltweit tätigen Neurologen im mindestens übertragenen Sinne zusammenzukommen, in welchem wir unser in vielerlei Hinsicht gemeinsames Engagement für Patienten mit einer neurologischen Erkrankung verinnerlichen – und den von uns in der Klinik anvertrauten Patienten irgendwie in feierlicher Form mitteilen, aber auch von ihnen berichten lassen, welche Erwartungen sie eigentlich an uns Neurologen stellen möchten. Diesen Tag erlebe ich damit irgendwie auch wie eine gehörige Impulsgabe für die mit Spannung zu erwartenden wissenschaftliche Entwicklungen in der Verbesserung der Kenntnisse und damit Therapiemöglichkeiten neurologischer Erkrankungen, vor allem hinsichtlich der funktionellen Wiederherstellung nach Nervenverletzungen.
 

Chefarzt Dr. med. Heinicke (Neuropädiatrie)

Der von der World Federation of Neurology ausgerufene World-Brain-Day ist sicher eine gute Gelegenheit die Faszination für das Organ Gehirn, bzw. das Nervensystem in seiner Gänze auch mit medizinischen Laien zu teilen.
Gerade wir als Kinderneurologen haben es ja mit den vielen Facetten der Hirnentwicklung von Geburt bis in das junge Erwachsenenalter hinein zu tun. 
Bei der Erklärung von Gesundheit oder Krankheit des Gehirns müssen wir uns aber immer wieder verschiedener Modelle bedienen, da wir nach wie vor das Gehirn und Nervensystem in seiner Komplexität gar nicht verstehen und erfassen können. Im philosophischen Sinne benötigt man immer ein höheres System, um ein anderes System erklären zu können, wir haben aber eben nur unser Gehirn für die Erklärung unseres Gehirns zur Verfügung. Und so bleibt auch für den Fachmann immer noch ein Staunen über das Wunder Gehirn, was wir uns bewahren sollten. Dazu kann auch dieser Gedenktag dienen.

Welche neurologischen Erkrankungen oder Schädigungsbilder begegnen Ihnen am häufigsten?

Chefarzt Dr. med. Adamaszek

Im Schwerpunkt begegnen mir Erkrankungen des Nerven- und Muskelsystems im Zusammenhang mit einer zuvor vom Patienten erfahrenen schweren intensivmedizinischen Versorgung. Aufgrund seiner Folge im Zusammenhang mit einer schweren Erkrankung wird die in den letzten zwei Jahrzehnten zunehmend als neurologische Einheit erkannte Erkrankung als Critical-illness-Neuro- und Myopathie benannt. Eine weitere sehr häufige Erkrankung bleibt der Schlaganfall mit seinen zahlreichen Ursachen, welcher mit unter Umständen erheblichen körperlichen Behinderungen und psychomentalen Veränderungen einhergeht und die Klinische Neurorehabilitation immer wieder vor große Herausforderungen stellt.

Chefarzt Dr. med. Heinicke

In der kinderneurologischen Rehabilitation haben wir es sowohl mit akuten wie auch chronischen Erkrankungen des Gehirns und Nevensystems zu tun. Am häufigsten behandeln wir im Bereich der akut aufgetretenen Erkrankungen Folgen von Schädel-Hirn-Traumata, aber auch entzündlicher Prozesse des Nervensystems, bzw. die Folgen eines akuten Sauerstoffmangels im Gehirn, welcher Ursache auch immer. 
Zu den häufigsten chronischen neurologischen Erkrankungen in unserer Klinik zählen zweifellos die vielen verschiedenen Formen einer Zerebralparese, aber auch sog. neurodegenerative (abbauende) Erkrankungen, die auf Grund der Spezialisierung unseres Behandlerteams auf schwere und schwerste neurologische Erkrankungen als eigentlich seltene Erkrankungen bei uns jedoch sehr häufig vorkommen.

Wie wirken sich Alter und Entwicklungsstand auf die Art und Dauer einer neurologischen Behandlung und Reha aus?

Chefarzt Dr. med. Adamaszek

Alter und Entwicklungsstand gehen mit einem unter Umständen geringeren Grad an Potential der Erholung des Nervensystems einher, aber es lassen sich in der Mehrzahl der Fälle bei einer aufmerksamen Zusammensetzung des therapeutischen Settings immer wieder im Verlauf einer Rehabilitationsbehandlung erstaunlich beeindruckende Funktionszuwächse erreichen. Es kommen vielmehr individuelle Faktoren der jeweiligen Patienten mit in die Behandlungsplanung, d.h. das Alter als auch der Entwicklungsstand können unter Umständen nur im geringeren Umfang den Behandlungserfolgs vorherbestimmen, wenn nicht sogar vernachlässigt werden.

Chefarzt Dr. med. Heinicke

Betrachtet man das Alter unserer Patienten im Vergleich zur Erwachsenneurologie so sind wir schon in einem Behandlungsvorteil, weil wir es in der Kinderneurologie eben mit einem sich noch entwickelten Organ zu tun haben und vor allem akute Schädigungen, wenn sie frühzeitig und umschrieben aufgetreten sind, noch durch die entsprechende therapeutische Entwicklungsanregung gut funktionell kompensiert werden können. Für die Dauer der einzelnen Rehabilitationsbehandlungen lassen sich daraus aber keine pauschalen Aussagen machen. Generell gilt, dass eine kinderneurologische Rehabilitation länger als im späteren Alter dauert, weil die Kinder mehr Zeit für Eingewöhnung, Aufgabenverständnis und auch mehr Wiederholungen mit viel Lob und Spiel eingebaut in die Therapiesequenzen benötigen.

Wo sehen Sie klare Abgrenzungen, aber auch Schnittstellen zwischen der neurologischen und neuropädiatrischen Rehabilitationsmedizin in unseren Kliniken?

Chefarzt Dr. med. Adamaszek

Im älteren gegenüber jungen menschlichen Gehirn ist das Rehabilitationspotential komplizierter ausschöpfen, da sich im Laufe der menschlichen Entwicklungsjahre zahlreiche Fertigkeiten im Gehirn bereits vertieft und quasi konsolidiert haben. Die moderne Neurorehabilitation ist aber ein enorm wachsendes Gebiet innerhalb der Klinischen Neurologie, innerhalb dessen beide Bereiche, d. h. die neurologische Rehabilitation des Erwachsenen als auch des Kindes und Jugendlichen, erheblich von einem lebhaften Austausch der Grundlagen und klinischen Erfahrungen der Rehabilitationsmerkmale von Verletzungen des Nervensystems profitieren können.

Chefarzt Dr. med. Heinicke

Klare Abgrenzungen ergeben sich schon aus der Unterschiedlichkeit der Krankheitsbilder, aber auch aus dem eben beschriebenen Umstand, dass sich das Organ Nervensystem beim Kind in einer noch viel ausgeprägteren Entwicklung befindet, als beim Erwachsenen. Aber natürlich gibt es viele Gemeinsamkeiten zwischen Kinder- und Erwachsenenneurologen, vor allem auch hinsichtlich der Diagnostik, weil die Neurologie (egal welchen Alters) ein Fachgebiet ist, in dem man noch sehr viel durch gute Anamnese, differenzierte Untersuchung am Patienten und erst dann mit Hilfe apparativer Diagnostik erreichen kann.

Wie unterscheidet sich die Behandlung bei gleichen Diagnosen zwischen Kindern und Erwachsenen?

Chefarzt Dr. med. Adamaszek

Die Frage ist nicht einfach zu beantworten, da beide Bereiche mittlerweile sehr spezialisiert sind. Als Neurologe der Erwachsenenmedizin gehe ich aber davon aus, dass Erwachsene aufgrund ihrer Lebensgewohnheiten Körperbehinderungen und deren Folgen im Alltag mitunter schwerer zu vermitteln sind. Kindern lassen sich womöglich leichter auf Veränderungen bzw. neuen Bewegungsformen des Körpers ein.

Chefarzt Dr. med. Heinicke

Vor allem hinsichtlich der therapeutischen Arbeit an motorischen funktionellen Störungen ergeben sich durch die unterschiedlichen Entwicklungsmöglichkeiten des Nervensystems (die sog. Plastizität) unterschiedliche Ansätze. Ganz pauschal kann man es so formulieren. Bei Kindern können wir mehr in Erwartung der Ausbildung neuer Nerveninformationssysteme trotz einer Schädigung mit Techniken, die über Wahrnehmungsförderung und Input- Steigerung funktionieren, arbeiten, um eben die Netzwerke im Gehirn neu oder überhaupt auszubilden. Beim „fertigen“ Erwachsenengehirn ist das nur begrenzter möglich und deshalb ist die Therapie mehr auf den Umgang mit dem Defizit ausgerichtet.

Wie kann Hirngesundheit gezielt präventiv gefördert werden auch über den Klinikalltag hinaus?

Chefarzt Dr. med. Adamaszek

Jeder gut informierte Patient kann nicht nur im Erkennen und Verständnis seine jeweiligen eigenen Entwicklungspotentiale zur Wiederherstellung von Hirnfunktionen bestmöglich ausschöpfen, sondern auch gerade im Aufzeigen von Risiken für einen erneuten Schlaganfall einen ersten Schritt in eine langfristige Hirngesundheit setzen. Hinzu kommen dann aber auch all die zum Teil unterschätzten Potentiale in der Lebensführung mit gesunder Ernährung wie beispielsweise die Vorzüge der mediterranen Küche oder Verzicht auf nervenschädigende Substanzen wie Alkohol und Rauchen, aber auch die wichtigen Anwendungen der körperlichen als auch mentalen Ausdauer, sprich: regelmäßige Bewegung bzw. Sport.

Chefarzt Dr. med. Heinicke

Leider können wir bei einer Vielzahl unserer Patienten nicht von Hirngesundheit an sich ausgehen. Natürlich dient auch eine Rehabilitationsbehandlung zur Beratung und Anleitung der Betroffenen und ihrer Angehörigen, mit den handicaps im Alltag gut umzugehen und einer Verschlechterung vorzubeugen. Das ist natürlich im Einzelnen von der Grunderkrankung abhängig. 
Generell gilt wie bei Hirngesunden, dass auch Erkrankte lernen müssen, mit ihren Ressourcen gut umzugehen, um Überforderungen für das Nervensystem zu vermeiden. Sicher ist die Gratwanderungen für viele, die vor allem durch eine akute Hirnschädigung (z.B. Schädel-Hirn-Trauma) gezeichnet sind, schwerer umzusetzen, da sie ja bis zum Unfallereignis einen anderen Lebensstil gewohnt waren.
Das gilt aber auch für das Umfeld des Patienten zu Hause und vor allem in der Schule, wo wir unsere Aufgabe auch in der Beratung und Schaffung von Voraussetzung für eine an das Hirnleistungsniveau angepasste Bildungskarriere sehen.

Welche Rolle spielen Bewegung, Schlaf, Ernährung oder geistige Aktivität für die Hirngesundheit?

Chefarzt Dr. med. Adamaszek

Da habe ich glatt vorgegriffen! Folglich bleibt zu ergänzen, dass Abbau von übermäßigen körperlichen wie auch mentalen Stress, und dazu gehört auch ein unzureichendes Schlafverhalten (zu lange, zu kurz), erwiesenermaßen der Hirngesundheit zuträglich sind.

Chefarzt Dr. med. Heinicke

Für den Hirngesunden, wie auch für Betroffene mit Schädigungen des Nervensystems sind die genannten Tätigkeiten von enormer Bedeutung für eine weitere gesunde, bzw. nicht weiter geschädigte Hirnentwicklung. 
Dabei kommt im Kindes- und Jugendalter der Schlafhygiene eine besondere Bedeutung zu, da wir inzwischen wissen, dass viele Elemente der Hirnentwicklung (die Herstellung der sog. Netzwerke des Gehirns) in den Schlafphasen ablaufen. 
Deshalb sollte auch präventiv mit Kindern und Eltern immer wieder die Schlafhygiene besprochen werden. Neben den altersangepassten Schlafzeiten sind aber auch die Rahmenbedingungen für das Ein- und Durchschlafen (z. B. zeitlicher Abstand von Essen und Schlafgehen, Einschlafrituale, Medienkonsum vor dem Schlafen) von großer Bedeutung. Denn es sollte immer ein Grundsatz in der Kinderneurologie bleiben, dass man vermeintliche Schlafstörungen erst einmal durch genaue Analyse und ggf. Veränderung der Rahmenbedingungen um den Schlaf herum als mit Medikamenten behandelt.
 

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